Von uns aus gesehen liegt Kaohsiung am Ende der Welt, auf einer kleinen Insel, keine Hauptstadt, aber immerhin eine Großstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, größer als so manche deutsche Stadt. Und doch wirkt sie irgendwie verschlafen. Kommt hinzu, dass es geregnet hat als wir uns in Kaoshiung aufgehalten haben – die ganze Zeit, ohne Unterlass. So waren nicht viele Menschen unterwegs. Auch nicht am Lotussee, etwas außerhalb der Stadt gelegen. Er ist das wichtigste Ausflugsziel für die Städter und wirkt für uns ein bisschen wie Disneypark. Pagoden und Drachen und Heilige, überlebensgroß und bunt. Bunt ist schön und faszinierend anzusehen. Die Chinesen lieben das Spielerische, das Phantastische, das Wundersame. Da ähneln sich die Mainland- und die Insel-Chinesen ausgesprochen. Sonst drängeln sich hier die Menschen. Wir sind fast allein mit dem Regen und begutachten die Fabelgestalten.
Die Stadt selbst ist gesichtslos. So richtig finden wir kein Zentrum, nicht einmal auf dem Stadtplan. Es gibt einen Liebes-Fluss, der sich durch die Stadt zieht. Eigentlich hieß er Takao Fluss, wie man Kaohsiung früher nannte. Dann wurde er zum Liebes-Fluss., ein wohl eher touristischer Gag. An seinen Ufern sollen die Bürger lustwandeln. Bei Regen ist dem natürlich nicht so.
Ansonsten ist die Stadt richtig busy. Der wichtigste Hafen, viel Industrie, und der größte Anteil am Bruttosozialprodukt. Eine top-moderne U-Bahn erschließt die Stadt. Der Obolus gering, die Bedienung einfach und die Fahrkartenautomaten sprechen sogar deutsch, und französisch und japanisch, so an die zehn Sprachen können sie. Also easy. Die U-Bahn schafft dann doch ein Zentrum, bei der Formosa Boulevard Station. Ein großer Platz mit futuristischen Glasdreiecken, die gleichzeitig die Einstiege in die U-Bahn sind. Nachts farbenprächtig beleuchtet, im Untergrund ebenfalls futuristisch bemalt, wiederum bunt, bunter, jetzt wirklich richtig bunt. Hier kreuzen sich zwei U-Bahn-Linien. Das gilt es anscheinend zu feiern. Dort befinden sich auch die besten Restaurants. Ein Hot Pot muss sein, auch im Sommer. Auch bei Regen. Gleich daneben befindet sich der Liuhe Nightmarket. Hier kann man sich vergessen, unabhängig wie das Wetter ist. Es wird alles angeboten, was essbar ist. Obst, Brot, Küchen, Fleisch, Schlange, Fisch, Hummer in rauen Mengen. Hinter den Buden und Ständen kann man sich dann gleich zum Schmaus niederlassen. Nein, es ist da nicht unbedingt gemütlich, aber urig auf jeden Fall.
Man sollte die Stadt nicht verlassen, ehe man die alten Quay-Anlagen besucht hat. Hier herrscht nun der Zeitvertreib vor. Auf dem alten Schienengelände stehen jede Menge Kunstwerke, in den Hallen sind Künstler und Gastronomen eingezogen. Musikgruppen spielen, auch bei Nieselregen. Und selbst die Einheimischen freuen sich an der Unbekümmertheit. Hier lebt es sich gut.
Die vergessene Stadt. Für die Bewohner nicht unbedingt und die Touristen, die müssten die Stadt eben erst noch entdecken.

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